Die Zeit danach

Es ist schwierig auf die Frage zu antworten, wie es uns nun geht. Bald ist es vier Monate her, dass wir uns von unserem kleinen Samuel verabschieden mussten. Ich habe viel in mein Gebetstagebuch geschrieben, war aber noch nicht so weit, etwas zu veröffentlichen.

Wir wollen uns erstmal bei allen bedanken, die für unser Baby und uns gebetet haben. Diese Gebete haben uns durchgetragen. Manchmal waren wir selbst erstaunt darüber, wie viel Kraft wir hatten. Trotzdem haben wir uns nicht stark gefühlt und tun es jetzt erst recht nicht. Wir haben einen Gott, der nicht nur endlos Kraft hat, sondern der uns auch immer wieder getröstet und aufgerichtet hat.

Danke auch an alle, die uns praktisch unterstützt haben – die für uns gekocht oder bei der Vorbereitungen für die Beerdigung geholfen haben. Danke für jedes liebe Wort, ob persönlich, in einer Karte oder einer E-Mail. Manchmal hole ich die Karten aus der Truhe heraus, in die wir Samuels Sachen gelegt haben, und werde durch sie wieder aufgebaut.

Vor einigen Tagen waren zu einer Gedenkfeier eingeladen, die die Kinderklinik Bonn für die Familien organisiert hat, die in den letzten Monaten ein Kind verloren haben. Schon einige Tage vorher habe ich gemerkt, wie die Trauer mich wieder packt. Die ersten Wochen waren sehr schwer. Ich habe viel geweint. Wir hatten Zeit, uns etwas auszuruhen und an die Zukunft zu denken. Die vergangenen Wochen sind dann sehr geschäftig geworden. Ich habe versucht, noch viel zu erledigen, bevor Alex Referendariat losging und nun sind wir dabei, uns in unseren neuen Alltag einzugewöhnen.

Doch als wir dann in einem Kaufhaus waren und ich mir die Weihnachdeko ansah, wurde mir schlagartig bewusst, dass wir Weihnachten ohne Samuel feiern würden. Davor hatte ich mir noch nicht viele Gedanken darüber gemacht und nun kämpfte ich mit den Tränen umgeben von fremden Menschen, die sich auf “die schönste Zeit des Jahres” freuten. Letztes Jahr um diese Zeit war ich bereits schwanger. Samuel hat Weihnachten mit uns gefeiert, während er noch geschützt in meinem Bauch war. Wir träumten davon, wie es im nächsten Jahr sein würde mit einem kleinen Baby. Was würden wir ihm schenken?

Ich fand eine Weihnachtskugel mit einem Vogel.  Zwar habe ich sie noch nicht gekauft, weil ich so voller Gedanken und Gefühle war, doch sie wird bald an unserem Baum hängen.

Die Gedenkfeier hat das, was dort im Kaufhaus begann, noch verstärkt. Es war schön, einige Ärzte wieder zu sehen. Es tat gut, dort gewesen zu sein. Danach wollte ich mich allerdings nur noch zurückziehen. Da es noch nicht Zeit war, Ben und Hannah ins Bett zu bringen, lenkten wir uns ab. Aber irgendwann konnte ich nicht mehr und hab nur noch geweint. Es hatte sich einiges aufgestaut und die Tränen schienen kein Ende zu nehmen. Ich holte Samuels Sachen heraus und begann, einige davon in einem Bilderrahmen, den ich schon vor einiger Zeit dafür gekauft hatte, anzuordnen. Es war wieder an der Zeit, dass ich mir bewusst Zeit zum Trauern genommen hatte. Wir haben schnell gemerkt, dass wir uns diese Zeiten einräumen müssen, wenn wir nicht wollen, dass wir uns zu sehr ablenken.

Den Anfang unseres Trauerprozesses würde ich auch gerne noch mit euch teilen, nach und nach. Denn immer wieder hat Gott und Verse, Menschen oder eigene Erkenntnisse geschenkt, die uns geholfen haben. Ich habe nun auch angefangen, Samuel Geschichte ausführlich aufzuschreiben, weil ich merke, wir sehr mir das hilft. Außerdem möchte ich auf keinen Fall etwas vergessen. Und so können auch Ben und Hannah die Geschichte ihres kleinen Bruder nachlesen, wenn sie sich nicht mehr an ihn erinnern können. Vielleicht werden sie dadurch, wenn sie älter sind, verstehen, warum unsere Familie so ist, wie sie ist, denn Samuels kurzes Leben hat uns alle verändert.

6 thoughts on “Die Zeit danach

  1. Vielen Dank für euren ausführlichen Bericht. Ich habe in den letzten Monaten viel an euch gedacht und immer wieder mal hier reingeschaut.
    Auch wenn wir uns nicht kennen, ich denke viel an euch und bete für euch.
    Möget ihr immer wieder Kraft finden zu trauern und möge Gott euch seinen Frieden schenken und euch trösten.
    Ganz liebe Grüße aus Gummersbach, Kathy

    • Liebe Kathy,
      vielen Dank! Durch unseren Gott sind wir doch alle eine Familie, das habe ich erst jetzt so richtig verstanden.
      Liebe Grüße,
      Regina

  2. Ich habe auch oft an Euch gedacht und hier immer mal wieder hereingeschaut. Der Trauerprozess wird nicht so schnell vorbei sein. Es gibt immer wieder Situationen, ein Duft, ein Geräusch, eine Situation, wo die Trauer voll zuschlägt, auch wenn man denkt, dass man alles im Griff hat.
    Weihnachten ist es ganz, ganz schlimm. Oder an Geburtstagen.
    Ich drück Euch ganz fest, Dörthe

    • Liebe Dörthe,
      das, was du geschrieben hast, haben wir in den letzten Wochen und und Monaten auch sehr intensiv erfahren. Die Weihnachtszeit war wirklich hart. Aber gleichzeitig will ich auch nicht, dass uns diese Dinge, die uns an Samuel erinnern, nicht mehr berühren. So sehr es auch manchmal weh tut, ihn zu vermissen, freuen wir uns umso mehr auf den Himmel. Mir hilft es, mir vorzustellen, wie er jetzt wohl ist und dass es ihm unendlich gut geht :-)

  3. Liebe Regina,

    ich bin mehr oder weniger aus “Zufall” auf eure Geschichte gestoßen – mich hat sie sehr bewegt.
    Vor 2 Jahren ist meine kleine Freundin Jasmin gestorben, sie wurde 4 Jahre und einen Monat alt. Es ist schlimm Fotos zu sehen wo ich sie im Arm halte. Auch ich hatte als Kind einen Herzfehler, genau wie sie. Ihre Eltern haben auch eine Seite ins Internet gestellt für Jasmin, ich bin mir allerdings nicht sicher ob das hier hin gehört. Falls du einmal reinschauen möchtest in eine Geschichte einer kleinen Kämpferin schreib mich einfach an.

    Ich wünsche dir und euch von Herzen alles, alles Liebe und heilenden Trost, den nur unser himmlischer Vater allein schenken kann. Danke für diese Seite!

    - Deborah

    • Liebe Deborah,
      vielen Dank, dass du uns von Jasmin erzählt hast. Ich denke auf jeden Fall, dass solche Geschichten hier hingehören. Diese kleinen Menschen werden immer ein Teil von uns bleiben, sie haben uns geprägt und verändert. Und ihre noch so kurze Lebensgeschichte ist es wert, erzählt zu werden! Du kannst mir voll gern den Link zuschicken. Ich würde mir die Seite gern ansehen.

      Alles Liebe,
      Regina

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